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Wie die Sonne am Glarner Himmel ihre Bahnen zieht

Wie die Sonne am Glarner Himmel ihre Bahnen zieht

Katia Weibel aus Näfels macht Solargrafie. Das heisst: Die Amateur-Fotografin macht mit einfachsten Mitteln den Lauf der Sonne sichtbar.

Fridolin
Rast
vor 5 Tage in
Aus dem Leben
Vom Fronalpstock zum Rauti: Mit viel Geduld lässt Katia Weibel die Sonnenbahn von der Sommer- bis zur Wintersonnenwende (ganz unten) zu einem Lochkamera-Bild werden.
KATIA WEIBEL UND DANIEL FISCHLI

Natürlich besitzt Katia Weibel aus Näfels auch moderne Digitalkameras. Und sie teilt in ihrem Blog Bilder mit der Internetgemeinschaft. Darunter ein faszinierendes Bild mit dem Titel: «Die Sonnenbahnen sichtbar machen: Solargrafie.» Doch dieses Bild stammt nicht aus einer Digitalkamera. Es stammt aus einer Kamera, wie sie einfacher nicht sein könnte.

Belichtungszeit: ein halbes Jahr

Weibel hat das Bild am kürzesten Tag gepostet. Und sie schreibt dazu im Blog: «Wenn man ein Fotopapier in eine Lochkamera packt und es ganz lang, Wochen oder gar Monate, drin lässt und die Lochkamera schön stabil in Richtung Sonne installiert, erscheint mit der Zeit ein Negativbild auf dem Papier, ganz ohne Entwickeln.»

Das Bild entsteht im Lauf der langen Belichtungszeit allein durch die Lichtempfindlichkeit von Silbersalzkristallen im Fotopapier: «Darauf zeichnen sich die sich im Verlauf der Jahreszeiten verändernden Sonnenbahnen ab. Das nennt man Solargrafie.»

Der Schritt, der dann noch bleibt: Weibel muss das Negativbild – auf dem das in Echt Helle dunkel ist und das Dunkle hell – in ein Positivbild verwandeln. Das tut sie, indem sie das schwarz-weisse Negativ scannt und mit dem Computer ins Positive umkehrt, wie sie erklärt. Und dann auch noch spiegelt, damit der Fronalpstock wieder links und der Rauti rechts im Bild ist. Dass das digital umgewandelte Positiv einen blauen Grundton bekommt, ist zwar himmlisch witzig, es sei aber nur einer Eigenheit des Fotopapiers zu verdanken.

Präzision und Panzerklebband

Die Kamera ist dabei kein besonders technisches Produkt, sondern als Lochkamera simpel. Weibel schreibt im Blog: «An unserm gegen Süden gerichteten Haus haben wir eine Bierdose befestigt, mit einem Loch in der Hülle und einem Fotopapier im Innern, und das Papier von Sommer- bis Wintersonnwende belichtet, also ein halbes Jahr.»

Katia Weibel betont, dass die Aufnahmen als Gemeinschaftswerk mit ihrem Mann Daniel Fischli entstanden seien: «Er hat die Büchse minutiös präpariert.» Das heisst: Für das Loch ein dünnes Blech eingelassen, darin mit Masslupe und Stecknadel ein feines Loch gestochen und dieses exakt rund und brauenfrei geschmirgelt. Damit das Bild dann auch scharf wird. Dann haben die beiden die Bierdosenkamera an einem am Haus verschraubten Blumenkistenhaken mit viel Panzerklebband befestigt.

 

Vielseitig verwendbar: Aus einer Bierdose basteln Katja Weibel und ihr Mann eine Lochkamera, mit welcher das obige Bild entstand.
KATIA WEIBEL UND DANIEL FISCHLI

Die Faszination, Zeit einzufangen

Weibel mag es, «mit noch etwas anderem herumzuspielen», wie sie sagt. Lochkameras hat sie auch schon normale und digitale gebaut, einmal sogar eine Stereo-Lochkamera, deren Bildpaare in einem über 100 Jahre alten Stereo-Bildbetrachter einen räumlichen Eindruck vermitteln.

Und was fasziniert sie an den Lochkameras und speziell an der Solargrafie? «Mit wie wenig technischen Hilfsmitteln ein Bild erreichbar ist.» Es sei der Minimalismus, sagt sie. Und die Geduld, die es brauche, ein halbes Jahr auf ein Bild zu warten: «Du siehst die Zeit ganz anders, du kannst sie einfangen auf dem Bild.» Dazu passt, dass Weibel eine studierte Philosophin ist.

Total analog – aber digital entdeckt

Die Lochkamera ist ihr Ding, sagt sie, auch wenn ihr Mann schon früher als sie zu fotografieren begann. Dazu gekommen sei sie vor etwa zehn Jahren, als sie auf den alljährlichen Pinhole Day stiess. Und sich an die Lochkamera-Versuche aus der Schule erinnerte.

Vor etwa zwei Jahren kam die Solargrafie dazu. «Es ist ja witzig», sagt sie, «ohne Instagram hätte ich sie nie entdeckt, und dabei ist sie etwas total Analoges.» Zuerst habe sie sich ein halbes Jahr lang Bilder anderer angesehen, dann selber solargrafiert. Drei Bilder in drei Halbjahren. Eines davon ist gerade ausgestellt, in der «Kunsthalle Naefels», wie sie ihr Ausstellungsfenster in der Gerbi scherzhaft nennt. Und im Internet, wo die Kunsthalle ihren eigenen Auftritt hat: gerbi.ch/kunsthallenaefels.

Der Blog: katjaweibel.blog

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